Recherchebeispiele

Um Ihnen einen Eindruck von unserer vielfältigen Recherchetätigkeit zu geben, werden wir Ihnen hier sporadisch ausgewählte Recherchen vorstellen.

Zukunftsforschung – von Free-Agern und dem postdigitalen Zeitalter

von Dieter Sulzer, Leiter Bibliothek

Wie sieht das Alter übermorgen aus? Das Morgen liesse sich sicher leichter und realitätsnäher skizzieren. Dennoch wagen Zukunftsforscherinnen und Gerontologen auch einen Blick in die fernere Zukunft.

Das deutsche Zukunftsinstitut hat als Trend das Free-Ageing ausgemacht. Die Free-Ager als die künftigen Alten zeichnet aus, dass sie sich vom dreiphasigen Biografiemodell (Kindheit, Erwerbsleben, Ruhestand) lösen und stattdessen «Multigrafien» leben, sei es indem sie beispielsweise mit 50 Jahren einen familiären oder beruflichen Neuanfang wagen. Free Ager nehmen das Alter als eigenständige, positive Lebensphase wahr und lehnen den Jugendwahn ab. Die Autorinnen sehen denn auch eine Ablösung des Anti-Ageing zugunsten eines Pro-Ageing voraus, bei dem Lebenserfahrung, Gelassenheit und – durch das Erleben von Krisen und Erfolg gestärkte – Resilienz der Älteren auch gesellschaftlich als wertvoll erachtet werden. Emphatisch beschreiben sie die bedeutsame Rolle der neuen Alten: «Die Free-Ager sind nicht unwesentliche Triebfedern, denen es mit Erfahrung und dem richtigen Gespür für die Bedürfnisse ihres Umfeldes gelingt, eine Kooperationskultur zu erschaffen, die gemeinnütziges Handeln zur neuen moralischen Grundhaltung macht

Bemerkenswert, angesichts des auch in der Altersarbeit und -forschung gepflegten Diskurses rund um die digitale Revolution, ist die Feststellung, dass es «die demografische Entwicklung, nicht die Technologie, ist, die unserer Gesellschaft das Fenster in ein neues Zeitalter öffnet». Diesem Credo folgt eine Nachfolgestudie des Zukunftsinstituts, die bereits von einer «digitalen Krise» oder gar vom «postdigitalen Zeitalter» spricht. Täglich werde uns aufgrund der sogenannten Digitalisierung und in der Art eines quasi-religlösen Mythos die ständige Umwälzung aller Verhältnisse versprochen. Postdigitales Zeitalter bedeutet aber nicht Technikfeindlichkeit, sondern die Ablösung vom Digitalfatalismus. Alternativ soll ein kritischer Umgang mit digitalen Techniken gefördert werden, denn Social Media können Einsamkeit nicht bekämpfen, Fake News gewinnen durch digitale Kanäle erst recht an Macht und das Smart Home (hier werden Assisted-Living-Anwendungen für Senioren mitgemeint sein) «erweist sich als mühsame Angelegenheit, das den Bewohner zu seinem eigenen elektronischen Hausmeister macht, der ständig mit unkompatiblen Geräten herumfummeln muss».

Verlängerte Lebenszeit und Lebensspanne

Gleich doppelt im Widerspruch zu diesen Szenarien – besonders dem Titel nach – scheint die Studie «Digital ageing: unterwegs in die alterslose Gesellschaft» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts zu stehen. Wohl um sich nicht völlig dem Vorwurf auszusetzen, Science-Fiction-Utopien zu verbreiten, wurde im Rahmen der Studie eine Umfrage durchgeführt. Die teils auf dieser Umfrage, aber auch auf ausgewählten Theorien basierenden Szenarien wollen die Autorinnen und Autoren jedoch nur als «Eckpunkte» verstanden wissen, zwischen denen die Zukunft spielt. Zu den vier entwickelten Szenarien gehören das Conservative, das Rebel, das Predictive und das Ageless Ageing. Die funktionale, fast schon entmündigend formulierte Beschreibung der Conservative Agers macht misstrauisch, und es stellt sich die Frage, ob hier das wichtige Engagement von Grosseltern bei der Betreuung von Enkeln wirklich die gebührende Wertschätzung erhält: «Um ihr gesellschaftliches Potenzial zu erhalten, müssen sie entweder für klassische Aufgaben alter Menschen eingesetzt werden (z.B. Enkelbetreuung)…».

Diese wie auch die Studie «Wie wir morgen leben» wurde von Swiss Life gefördert. Die Stärke der letzteren, die vom Think Tank «Wire» unter Mitarbeit des Altersforschers François Höpflinger konzipiert wurde, kann darin gesehen werden, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen Studien, die sich mit den demografischen Veränderungen befassen, explizit nicht nur die letzte Lebensphase analysiert. Der Zugewinn an Lebenszeit eröffne «ungeahnte Möglichkeiten in der Lebensführung». Zu den 44 vorgestellten «realistischen bis radikalen Szenarien» für das «Übermorgen» – auch sie unter Hinzunahme von Befragungsdaten erstellt – gehören das Elternwerden in der zweiten Lebenshälfte (durch Social Freezing), das Kindererziehen mit Freunden statt Lebenspartnern, das Karrieremachen pro Lebensphase (bzw. das Erlernen von mehreren Berufen) oder das Lieben künstlicher Wesen.

Als Referenzmodell für die Zukunft westlicher Gesellschaften wird immer wieder Japan präsentiert, dessen demografischer Wandel noch weiter fortgeschritten ist und das als besonders technikfreundlich gilt. Davon zeugen eine Vielzahl an Publikationen (auch Prof. Dr. Sabina Misoch wird in der nächsten Bibliotheksveranstaltung einen Blick in den fernen Osten werfen). «Japan – unsere Zukunft heute» heisst ein Artikel in einer von Credit-Suisse herausgegebenen und dem «Neuen Alter» gewidmeten Broschüre. Darin werden etwa die seniorenfreundliche Stadt Toyama und der Einsatz von Robotern in der Altersbetreuung vorgestellt. Auch die Langlebigkeitsforschung im Silicon Valley, die zweifellos auch Ausdruck aktueller (weitgehend auch negativer) Altersbilder ist, wird in der CS-Broschüre porträtiert (ausführlicher aber in «Unsterblich sein» von Mark o’Connell, vgl. die Rezension von Kurt Seifert).

Gerontologische Ideale für die Zukunft

Aus dem Umkreis der Gerontologie präsentieren sich zwei kürzlich erschienene Bände zur Zukunft des Alterns. Eine Auswahl an Beiträgen hat der Ethiker Hans-Jörg Ehni gesammelt und im Buch «Altersutopien» herausgegeben (zur E-Book-Version). «Zukunftshoffnungen der Lebensphase Alter» werden hier von so unterschiedlichen Autorinnen und Autoren wie dem deutschen Gerontopsychologen Hans-Werner Wahl oder der Schriftstellerin Thea Dorn beschrieben. Der Sammelband hat den Anspruch, die Sichtweisen von Medizin und Sozialwissenschaft zu verbinden und wissenschaftlich fundierte Bilder einer möglichen und idealen Zukunft des Alters zu zeichnen.

Aufgrund seines Alters tritt Reimer Gronemeyer in seinem neusten Werk nicht nur als Alterssoziologe, sondern auch als Vertreter der älteren Generation selber auf. Nicht ohne Polemik präsentiert er in seinem neuen Buch «Die Weisheit der Alten» «sieben Schätze für die Zukunft» und hebt angesichts der von Jugendwahn geprägten Zeit den gesellschaftlichen und humanitären Reichtum des Alters hervor (zur E-Book-Version).

Übersicht über die genannten Quellen:

  • Free-Ageing: Jenseits des Rentendaseins, von Verena Muntschick und Diana Hertle. In: Die neue Achtsamkeit. Autoren: Harry Gatterer, Matthias Horx, Verena Muntschick u.a., 128 S. ISBN: 978-3-945647-40-0. 2017 - zum Artikel
  • Das postdigitale Zeitalter, von Matthias Horx (2019). In: Zukunftsreport 2019. Herausgeber: Matthias Horx. AutorInnen: Niels Boeing, Dr. Daniel Dettling, Harry Gatterer u.a. 148 S. ISBN 978-3-945647-56-1, 2018 - zum Artikel
  • Das neue Alter : mehr vom Leben. Hrsg. Credit Suisse. Sonja Blaschke; Yasuyuki Takagi; Andreas Christen; Albert Wettstein, 2017 - zum Bulletin
  • Die Weisheit der Alten - Sieben Schätze für die Zukunft. Reimer Gronemeyer. Verlag Herder GmbH. 216 S. ISBN: 9783451812965, 2018 - E-Book - Print
  • Altersutopien - Medizinische und gesellschaftliche Zukunftshoffnungen der Lebensphase Alter. Hans-Jörg Ehni, Campus Verlag, 2018 - E-Book - Print
  • Wie wir morgen leben: Denkanstösse für das Zeitalter der Langlebigkeit. W.I.R.E., Think-Tank für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in Kooperation mit Swiss Life (Hg.). Simone Achermann , Stephan Sigrist. 200 S. 2017 - Management Summary - Print

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