Ewiges Leben?

Die Transhumanisten wollen den Tod überwinden. Der irische Literaturwissenschaftler und Journalist Mark O’Connell hat eine Reise in diese Welt zwischen High-Tech und Selbsterlösung unternommen. Er berichtet darüber in einem bemerkenswerten Buch.

Eine Sachbuchbesprechung von Kurt Seifert
Unsterblich sein. Reise in die Zukunft des Menschen von Mark O'Connell

Der Autor besuchte Labore und sprach mit Menschen, die sich der Verlängerung des Lebens und der Abschaffung der Sterblichkeit verschrieben haben. Da ist zum Beispiel Max More, Präsident und CEO von Alcor in Kalifornien, einer Einrichtung zur kryostatischen Lagerung von Leichen und Leichenteilen, genauer: Köpfen. Dabei werden die Verstorbenen bei einer Temperatur von ungefähr minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff aufbewahrt, um sie eines Tages wieder zum Leben zu erwecken – wenn dann die Möglichkeiten dafür gegeben sein sollten. Die Kosten betragen 200‘000 US-Dollar für die Einlagerung des ganzen Körpers. Ein tiefgekühlter Kopf ist günstiger zu haben: 80‘000 US-Dollar reichen dafür schon aus.

Verheissungen der Technik

Das mag abstrus erscheinen, vor allem deshalb, weil die wissenschaftliche Grundlage für ein solches Verfahren sehr «dünn – praktisch nicht existent» sei, wie O’Connell festhält. Doch es gibt noch Abenteuerlicheres zu berichten: Auf seiner Reise trifft der Autor auch Randal Koene, einen holländischen Neuroinformatiker, der jetzt im Silicon Valley arbeitet mit dem Ziel, «das Bewusstsein von Menschen aus der Materie […] zu extrahieren, in der es herkömmlich eingebettet war». Todd Huffman, CEO der Firma 3Scan, die vom PayPal-Gründer Peter Thiel unterstützt wird, interessiert sich für die digitale Bewusstseinsspeicherung. Diese sei mit heute verfügbaren Technologien theoretisch machbar. Ziel wäre dann eine sogenannte Gesamthirn-Emulation: die Übermittlung der im Gehirn gespeicherten Informationen auf ein neues Trägermedium.

In dem Masse, wie sich der traditionelle Glaube auflöst, scheint jener an die Verheissungen der Technik mächtiger zu werden – bis hin zu Vorstellungen von einer möglichen Abschaffung des Todes. So hält auch Mark O’Connell fest, der Transhumanismus stelle lediglich die Intensivierung einer Tendenz dar, die in unserer «Mainstreamkultur» gegenwärtig sei, «die wir auch gleich als Kapitalismus bezeichnen könnten». Die transhumanistische Bewegung wächst zudem auf einem ganz spezifischen gesellschaftlichen Boden. Der Autor sieht in ihr nichts anderes als die «radikale Extrapolation des amerikanischen Strebens nach Selbstverbesserung».

Mark O‘Connell: Unsterblich sein. Reise in die Zukunft der Menschheit. Aus dem Englischen von Sigrid Schmid. München: Carl Hanser Verlag 2017, 299 S.

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Porträt von Kurt Seifert

Kurt Seifert ist freier Publizist mit Schwerpunkt Alterspolitik und Autor des Buches «Eine Jahrhundertgeschichte : Pro Senectute und die Schweiz 1917 – 2017».

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