Beherzter Neubeginn im Alter

Ist es nötig, auch noch im Alter von bald siebzig Jahren über die eigenen Eltern nachzudenken oder sich längst vergangene heftige Liebesstürme noch einmal zu vergegenwärtigen? Yvette Z’graggens Antwort darauf lautet eindeutig: Ja. Eine Rezension von Dagmar Schifferli
La Punte

Ihr Roman „La Punta“(1992 erstmals auf Deutsch erschienen), der zugleich von einem Neuanfang der Protagonistin handelt, kann uns in diesen eher nachdenklichen Zeiten auch dazu anregen, Ereignisse im eigenen Leben näher zu betrachten – und, da nun Lockerungen bei den Corona-Schutzmassnahmen bevorstehen, mit neuem Blick nach vorne zu schauen.

Nein, freiwillig hätten Florence und Vincent Genf wohl nie verlassen. Doch ihre Wohnung wurde luxussaniert und ihnen damit eine Neuorientierung aufgezwungen. Weshalb nicht das bisher Unvorstellbare wagen und nach Spanien auswandern? Während Florence sich schnell einlebt, interessiert auf andere Menschen zugeht, obwohl sie die Sprache nur rudimentär versteht, beginnt Vincent bereits nach kurzer Zeit, sich nach „da oben“, das heisst nach Genf, zurückzusehnen, wo alles vertraut war, er sich mit seinen Freunden in den Bistros traf, Billard spielte und die Dinge ihren gewohnten Gang nahmen. Im Verlaufe des Romans erleben wir einen zunehmend verstockten Vincent, der kaum mehr das Haus verlässt und ständig an Florence herumkritisiert. Ein besonderer Dorn im Auge ist es ihm, dass sie wieder mit Schreiben begonnen hat, eine Tätigkeit, die er zutiefst verachtet und völlig unnütz findet. Diese Ablehnung trifft bei Florence auf eine alte Wunde, denn genauso hatten in früheren Jahren ihre Eltern reagiert. Ihre Eltern, die eigentlich nur für einander da waren und sich so heftig geliebt hatten, dass kein Platz war für einen Dritten, nicht einmal für die eigene Tochter. Schreibend erinnert sich Florence an viele schmerzhafte Episoden im Elternhaus, aber auch an stürmische Liebesnächte mit nicht wenigen Männern. Mit keinem jedoch konnte eine tiefe Beziehung entstehen, bis sie schliesslich auf Vincent traf und die beiden heirateten.

Während ihrer vierzigjährigen Ehe hatte Florence allerdings zunehmend realisiert, dass ihre individuelle Entwicklung auf der Strecke blieb. In Spanien nun gewinnt sie die Gewissheit zurück, schreiben zu können, Schriftstellerin zu werden, was sie sich schon in frühen Jahren so sehr gewünscht hatte. Vincent jedoch ist nicht fähig, sie in dieser neuen Lebensphase zu begleiten, bleibt mürrisch und unzufrieden. Der Abstand zwischen den Eheleuten wird immer grösser. La Punta, den Ort, wo sich Mittelmeer und Atlantik vereinen, gemeinsam zu besuchen, schaffen sie deshalb nicht. Und so kommt, was kommen muss: Nur sie entscheidet sich zu bleiben.

Yvette Z’graggen: La Punta. Lenos pocket, Lenos Verlag Basel, 2008. 151 S.

Dagmar Schifferli

Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.

 

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