Die Enkel wieder umarmen

Da nun sogar von offizieller Seite her wieder erlaubt wird, von Enkeln bei einem kurzen Besuch umarmt zu werden, lohnt sich ein differenzierter Blick auf die recht gut erforschte und überwiegend beglückende Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern. In seinem Buch «Lebensernte» stellt Anton A. Bucher die wichtigsten Aspekte gut nachvollziehbar dar. Eine Rezension von Dagmar Schifferli
Lebensernte

Noch in keiner Epoche haben so viele Enkel so viel Zeit mit ihren Grosseltern verbracht wie heutzutage. Waren vor hundert Jahren persönliche Kontakte zwischen Enkeln und Grosseltern eine Ausnahme, hat gegenwärtig jedes neugeborene Kind in der Schweiz sogar mindestens einen Urgrosselternteil. Nun ist es nicht etwa so, dass man sich um Jahre gealtert fühlt, sobald man Grossmutter oder Grossvater wird. Das Gegenteil scheint bei vielen Menschen einzutreffen: Das Zusammensein mit den Enkelkindern könne vielmehr wie ein Jungbrunnen wirken, so Bucher. Denn das verantwortungsvolle, oft mit Freude und Spass verbundene Zusammensein mit den Kindern bewirke geistige und körperliche Aktivität sowie die Genugtuung, eine lohnenswerte Tätigkeit zu verrichten. Darüber hinaus birgt es oft die Möglichkeit, völlig im Augenblick zu leben und sich dabei tief glücklich zu fühlen. Mittels der Berliner Altersstudie, in der 516 Personen über mehrere Jahre begleitet wurden, konnte sogar eine Verlängerung der Lebensspanne festgestellt werden. Wer sich demnach mindestens einmal die Woche mit Enkeln beschäftigte, ohne dass die Eltern zugegen waren, lebte zwischen drei und vier Jahre länger als passive Grosseltern oder ältere Menschen ohne Enkel.

Einen tieferen Lebenssinn im eigenen Tun zu erfahren, stärkt auch das psychische Wohlbefinden und somit die Lebenszufriedenheit insgesamt. Vorgesetzt allerdings, dass die Grosselternschaft freiwillig praktiziert wird und die Intensität der Betreuung den eigenen Wünschen und Möglichkeiten angepasst ist. Dies ist in jedem Fall wichtig, also nicht nur dann, wenn die Grosseltern gesundheitlich beeinträchtigt sind.

Interessant sind auch die Studien zu den kognitiven Fähigkeiten von Grosseltern. So wird in dem Buch eine Untersuchung mit australischen Grossmüttern erwähnt, wonach diese, wenn sie einmal die Woche ihre Enkelkinder hüteten, bezüglich Gedächtnisleistungen und kognitiver Flexibilität besser abschnitten als solche, die sich nicht um Enkel kümmerten. Omas hingegen, die sich an fünf Tagen um ihre Enkel kümmern mussten, hatten ein schlechteres Arbeitsgedächtnis und waren geistig weniger flexibler. Die stärkere Beanspruchung durch die Kinder scheint sich also negativ auszuwirken.

Grosszügig und liebevoll

Wie sehen nun die Enkel ihre Grosseltern, was lieben sie an Oma und Opa? Der bekannte Generationenforscher François Höpflinger befragte dazu 685 Schweizer Jugendliche. Diese hielten ihre Grosseltern mehrheitlich für grosszügig (88 %), liebevoll (83 %) und tolerant (69 %). Als streng, altmodisch oder gar geizig wurden Oma und Opa nur ganz selten erlebt. Gemocht werden die Grosseltern besonders dann, wenn sie den Kindern zuhören, sie lieben und wertschätzen und ihnen aus der Familiengeschichte erzählen. In einer Studie aus dem Jahr 2014 wurde zudem festgestellt, dass Geld zu schenken die Kinder weniger glücklich macht als unterstützendes Interesse und gemeinsam verbrachte Zeit.

Insgesamt haben Grosseltern bei den meisten Enkeln ein vorzügliches Image. Dennoch währt diese glückliche Zeit nicht ewig. Die Enkelkinder wachsen heran, werden zunehmend selbstständig, orientieren sich immer stärker an ihrer Peergroup, so dass die Beziehung zu Oma und Opa allmählich in den Hintergrund rückt. Viele Grosseltern sind sich dessen nur allzu bewusst und geniessen daher die Gegenwart der Enkelkinder umso intensiver.

Anton A. Bucher: Lebensernte. Psychologie der Grosselternschaft. Springer Verlag Berlin, 2019. 137 S.

Dagmar Schifferli

Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.

 

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