Ein Wochenende

Eine Rezension von Dagmar Schifferli
Ein Wochenende

Nur ein Wochenende, aber eines, das es in sich hat. Drei Freundinnen, alle über siebzig, beschliessen, ausgerechnet über Weihnachten das Strandhaus der kürzlich verstorbenen vierten Freundin Sylvie zu räumen. Nehmt euch, was ihr wollt, hatte ihnen deren Tochter zuvor erlaubt, wohl auch, damit sie sich nicht selbst mit der Räumung des Hauses herumschlagen musste.

Weihnachten in Australien, wo die Wochenendgeschichte spielt, bedeutet Hochsommer, stickige, feuchte Hitze, die noch zusätzlich auf die Stimmung der drei Frauen drückt. Obwohl seit fast vierzig Jahren miteinander befreundet, so dass sie einander besser kennen, als man normalerweise Geschwister kennt, sind sie sich doch irgendwie fremd geblieben. Zu viel haben sie voreinander zu verbergen, lediglich mit den Macken der anderen sind sie vertraut. Irgendwie denkt zwischendurch jede bei sich, wie anstrengend es doch ist, befreundet zu sein, zumal Sylvies Tod merkwürdige Schluchten der Distanz zwischen sie getrieben hat.

Die Lücke

An diesem Weihnachtswochenende wird ihnen bewusst, wie wichtig Sylvie war, insbesondere für den Zusammenhalt unter ihnen, aber auch, für jede selbst, denn die charismatische Freundin wurde verehrt, wenn nicht sogar innig geliebt. Aber keine wagt es, das offen anzusprechen, vielmehr schleicht jede um die Lücke herum, die die Freundin hinterlassen hat.

Detailliert und warmherzig erzählt, erfahren wir als Leserin jedoch, wie unterschiedlich die drei Frauen ihr Leben verbracht haben, wie sehr sie sich charakterlich voneinander unterscheiden und wie hoch ihre Bereitschaft ist, trotz des gegenseitigen Unverständnisses ihre Freundschaft nicht zu gefährden.

Zuspitzung im Donnergrollen

Dramaturgisch vielleicht etwas überladen, spitzen sich die Probleme über das Wochenende dann doch zu und entladen sich schliesslich bei Donnergrollen und heftigem Gewitter. Durchnässt und auf je eigene Weise erschüttert, finden die drei Freundinnen wieder enger zueinander. Am Ende des Romans entlässt uns die Autorin mit dem beglückenden Gefühl, dass wahre Freundschaft auch den stärksten Stürmen widerstehen kann.

Ein lesenswerter Roman über die Rätselhaftigkeit langjähriger Frauenfreundschaft, das Älterwerden sowie die Diskrepanz zwischen dem zuweilen ächzenden Körper und der geistigen Frische, der ihm immer noch innewohnt.

Charlotte Wood: Ein Wochenende. Roman. Kein & Aber, Zürich 2020,

284 S.

Dagmar Schifferli

Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.

 

Alle bisherigen Rezensionen

Verschaffen Sie sich einen Überblick über all unsere bisherigen Rezensionen.