Warum wir unseren Eltern nichts schulden

Eine Rezension von Dagmar Schifferli
Warum wir unseren Eltern nichts schulden

Schuldgefühle – wer kennt sie nicht, diese nagende Bedrückheit, den Eltern nicht gerecht geworden zu sein. Zu selten die Mutter angerufen, den verwitweten Vater an seinem Geburtstag nicht besucht, weg in eine weit entfernte Stadt gezogen. Die Liste liesse sich um viele Beispiele erweitern. Denn in uns drin wühlt der Gedanke, dass die Eltern doch ein Recht haben auf unsere Unterstützung, auf Gespräche mit uns oder auch, unsere eigenen Kinder, also ihre Enkelkinder, häufig zu sehen.

Die Gründe, die uns zu dieser Überzeugung führen, sind naheliegend: Unsere Eltern haben seit unserer Geburt sehr viel Zeit, Energie und Geld für uns aufgebracht, so dass es nur angemessen ist, ihnen etwas zurückzugeben.

Doch dann lesen wir Barbara Bleischs Buch, die bereits im Titel kühn behauptet, dass wir unseren Eltern nichts schulden. Die Philosophin ist vielen bekannt als Moderatorin der «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen, sie ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich, Dozentin für Ethik und hat einige Bücher und Fachartikel zu Moral und Ethik veröffentlicht.

Anhand der zentralen Begriffe Schuld, Dankbarkeit, Freundschaft, Verwandtschaft und Verletzlichkeit umkreist sie die Thematik immer wieder aufs Neue, stets die dem Buch titelgebende These erhärtend, dass wir als Kinder auch in späteren Jahren unseren Eltern nichts schulden.

Keine Vereinbarungen eingegangen

Denn Bleisch argumentiert, dass es die freie Entscheidung der älteren Generation war, Kinder zu haben und das Bestmögliche für sie zu tun, damit sie selbstständig werden und ein zufriedenes Leben führen können. Die Kinder kamen ungefragt auf die Welt und sind, anders als in einem Gläubiger-Schuldner-Verhältnis, nie eine Vereinbarung eingegangen, wie die jahrelangen Zuwendungen dereinst beglichen werden sollten. Diese elterliche Fürsorge in früheren Jahren verwandelt sich später nicht selten in die Erwartung oder sogar Forderung, die nun erwachsenen Söhne oder Töchter mögen ihnen doch bitte für all das Geleistete dankbar sein. Doch, so Bleisch, lässt sich diese elterliche Haltung weder moralisch noch ethisch begründen.

Keine Erbschuld

Dennoch, schreibt Bleisch weiter, haben Kinder ihren Eltern gegenüber Verpflichtungen. Es sind jedoch solche, die jeder Mensch einem anderen gegenüber hat, beispielsweise ihm in der Not beizustehen, ehrlich zu sein, ihn nicht mutwillig zu verletzen, anvertraute Geheimnisse nicht zu verraten und vieles mehr. Die Eltern-Kind-Beziehung begründet darüber hinaus keine filialen Ansprüche, ein Kind kommt nicht mit einer Erbschuld auf die Welt, wie sie etwa die Katholiken kennen. Beziehung muss in Freiheit gelebt werden. Wenn man sich um einander kümmert, sich besucht, einander beisteht, dann, weil man sich wertschätzt und den Kontakt als angenehm und bereichernd erlebt. Zwang und Anspruch seien hier völlig fehl am Platz.

Nähe und Verletzlichkeit

Im Kapitel über die Verletztlichkeit wird Bleischs Sprache weicher. In eindrücklichen Worten und besonders gut formuliert erläutert die Philosophin, weshalb gerade in familiären Beziehungen ein hoher Grad an Verletztlichkeit vorhanden ist. Man kennt sich seit ewig, ist sich nah, vertraut, weiss um die wunden Punkte, die man im Bedarfsfall ausnützen könnte. Man möchte blindlings vertrauen können und ist dann rasch verletzt, wenn sich ein Familienmitglied anders verhält, als man es erwartet hat und es einem gut täte. Deswegen plädiert Bleisch für eine besondere Rücksichtnahme innerhalb der Familie, was jedoch keineswegs bedeute, den Anliegen der anderen, in diesem Fall der Eltern, gehorsam und nur aus Schuldgefühl zu entsprechen. Wichtig sei, die Wünsche und Erwartungen ernst zu nehmen und Verständnis dafür zu zeigen. Bleisch verwendet dafür den Begriff 'Validierung'. Ein Anliegen zu validieren heisse jedoch nicht automatisch, es auch zu erfüllen, sei jedoch um einiges besser, als es zu überhören oder zu negieren.

Im abschliessenden Kapitel 'Das gute Kind' gibt uns Barbara Bleisch fünf Punkte mit auf den Weg, die gute Töchter und Söhne im Blick haben sollten, wenn sie dem Familienheil Sorge tragen wollen und ihnen am Gelingen dieser Beziehung gelegen ist.

Bleischs Überlegungen lassen den Eindruck entstehen, dass sie sich vor allem auf eher wohlhabende europäische Länder bezieht. Für Länder beispielsweise, deren Menschen in grosser Armut leben und die ältere Generation auf die Unterstützung der Nachkommen angewiesen ist, müssten ihre Argumente kritisch hinterfragt werden. Ausserdem kommt es auf den über 200 Seiten des Buches zu vielen Wiederholungen des bereits Gesagten, was die Argumentationslinien ungebührlich in die Länge zieht.

Dennoch regt das Buch dazu an, die eigenen Überzeugungen und Konventionen zu überdenken. Offene Gespräche mit den Eltern darüber können dann auch ein freieres Miteinander ermöglichen.

Barbara Bleisch: Warum wir unseren Eltern nichts schulden. Hanser Verlag, München 2018, 206 S.

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Dagmar Schifferli

Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.

 

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