La bonne épouse

Frankreichs Frauen vor dem Mai 68: In «La bonne épouse» schildert Martin Provost das Leben in einer Hausfrauenschule im Elsass, bis die 68er-Bewegung alles durcheinanderwirbelt. Eine brillant inszenierte und gespielte Komödie, die unterhaltsam die Zeit vor 1968 ausleuchtet. Eine Filmkritik von Hanspeter Stalder
Leiterinnen und Schülerinnen der Hausfrauenschule

Leiterinnen und Schülerinnen der Hausfrauenschule

«Noch vor Kurzem waren Mädchen dazu bestimmt, perfekte Ehefrauen und Mütter zu werden. In Frankreich gab es für ihre Ausbildung mehr als tausend Haushaltschulen», heisst es im Vorspann und weiter: «Das ist die Geschichte vor den Aufständen im Mai 1968, die radikale Veränderungen mit sich brachten. Ganz Frankreich spielte verrückt, das bekam sogar Boersch zu spüren, eine charmante Stadt im Elsass.»

Was braucht eine junge Frau für eine erfolgreiche Zukunft? Paulette Van der Beck weiss es! Zusammen mit der Schwester ihres Mannes und einer Köchin führt sie Ende der 1960er-Jahre ein Internat im idyllischen Elsass. Die drei trichtern ihren Schülerinnen ein, was sie als perfekte Gattinnen und Hausfrauen können müssen und was sie nicht machen dürfen. Hier werden Mädchen zu perfekten Ehefrauen ausgebildet: von der richtigen Zubereitung eines Hähnchens, über den haushälterischen Umgang mit Geld, bis zur richtigen Körperhygiene. Es folgen, geschrieben und referiert, die sieben Grundsätze, mit denen die Schülerinnen fürs Leben vorbereitet werden. Paulette weiss nichts von Finanzen; das ist Männersache. Als ihr Mann Robert unerwartet stirbt, muss sie feststellen, dass ihr Institut pleite ist. Die Frau steht vor einem Scherbenhaufen. Ohne finanzielle Mittel ist sie gezwungen, auf den eigenen Beinen zu stehen, und bald schon findet sie Gefallen daran. – Als wäre das nicht genug: Seit geraumer Zeit bläst die kalte Brise aufständischer feministischer und revolutionärer Ideen aus Paris bis in Paulettes Schule.

Soeur Marie-Thérèse und Paulette Van Der Beck

Soeur Marie-Thérèse und Paulette Van Der Beck

Schönes, gutes französisches Kino

Stil und Tonfall des Films sind beschwingt, locker und leicht, mit Situationskomik und köstlichen Dialogen bestückt, vergnüglich und liebevoll, mit Esprit und Humor. Gegen Schluss pendelt der Ablauf hin und her zwischen Tanzfilm, Agitprop, Klamauk und Dorftheater, was sich durchaus verträgt. Unterhaltsam bietet der Film zudem eine Lektion über die 68er-Bewegung. Was die Jugendlichen heute kaum mehr kennen, die Älteren sich vielleicht noch schwach daran erinnern, wie Menschen in Zürich beim Globus vor dem Wasser oder in Paris am Boule Miche vor den Steinen flohen.

«La Bonne Épouse» ist schönes, gutes französisches Kino. Martin Provost versteht es auch diesmal, seine Geschichte mit den Frauen im Mittelpunkt so zu erzählen, dass wir für sie Sympathie empfinden: in den Hauptrollen glänzen Yolande Moreau, bekannt aus «Le tout nouveau testament», Noémie Lvovsky aus «Les invisibles» und vor allem die Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche, die am Zürich Film Festival 2020 mit dem Golden Icon Award, der höchsten Auszeichnung, geehrt wurde. In der Kissenschlacht im letzten Viertel des Films zollt der Cineast seinen Tribut Jean Vigo mit seinem unübertroffenen «Zéro de conduite», wie vor Kurzem schon Atiq Rahimi in «Notre dame du Nil».

Paulette und Gilberte Van Der Beck mit Cousine Soeur Marie-Thérèse

Paulette und Gilberte Van Der Beck mit Cousine Soeur Marie-Thérèse

Martin Provost, der Frauenversteher

Der französische Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Martin Provost wurde 1957 in Brest geboren, trat anfangs als Schauspieler auf, bis Ende der 80er-Jahre in rund 20 Produktionen. Er verstand es immer wieder, stimmige und stimmungsvolle Geschichten mit Frauen im Mittelpunkt zu erzählen. International bekannt wurde er 2008 durch seinen mit sieben Césars ausgezeichneten Film «Séraphine», der Biografie der naiven Malerin Séraphine de Senlis, die das Leben meisterte.
 
2013 gelangt es Provost im Film «Violette» das Leben der unehelichen Aussenseiterin Violette Leduc mit Anteilnahme zu beschreiben. Diese hat im richtigen Leben und in der Literatur ihren Weg gefunden. Im Hintergrund beginnen landesweit die politischen und philosophischen Diskussionen, die bald zum Mai 68 führen. 2017 folgte «Sage femme» mit den Lebensläufen von zwei Frauen, welche mit den Traditionen brechen, wiederum mit Szenen, die das vorwegnehmen, was in den 60er- und 70er-Jahren mit der Frauenbewegung, den Studentenprotesten und den Generalstreiks die Welt veränderte.

Mit «La bonne épouse» setzt Martin Provost der weiblichen Emanzipation erneut ein Denkmal: zusammen mit Paulette Van Der Beck als Schuldirektorin, Soeur Marie-Thérèse als Köchin und Gilberte als Hauswirtschaftslehrerin. Mit diesem Film hat der Filmemacher das Genre und den Ton gewechselt. Im Gegensatz zu den beiden Biografien schuf er jetzt eine Komödie über Frauen vor 1968. Vergleichbar mit Catherine Corsinis «La belle saison» von 2015, die exemplarisch zwei Lesben zwischen dem frauenbewegten Paris und der bäuerlichen Provinz porträtierte.

 Mit ihrem Latein am Ende

Mit ihrem Latein am Ende

Unterhaltsam inszenierte Zeitgeschichte

Wie die weltweit grassierenden Ideen von Emanzipation und Liberalisierung sich allmählich bei den Internatsbewohnerinnen ausbreiten, erzählt «La bonne épouse» nuanciert, zugespitzt und witzig. Es ist ein langer, manchmal beschwerlicher Prozess, den die Schülerinnen durchmachen, bis sie die schier unbegrenzten Möglichkeiten und Chancen eines Lebens als unabhängige, mündige Frauen erkennen: in Szenen, die vordergründig bloss lustig daherkommen, hintergründig die gesellschaftlichen und psychologischen Veränderungen genau benennen. Damit erhält der Film etwas Zeit und Ort überdauerndes Allgemeingültiges. So war die Direktorin anfänglich das Vorbild für jede sittsame, biedere Ehefrau im Patriarchat, bis allmählich der von der Revolution angestossene und von den Jugendlichen eingebrachte Wandel fein austariert Veränderungen durchsetzte, was Paulette den Boden unter den Füssen wegzog und sie sich schliesslich neu erfinden musste.

Der Film endet mit einer Litanei der Namen jener, die für die Rechte der Frau gekämpft haben, neben Nonnen, Müttern und Nutten, Simone de Beauvoir, Sarah Bernhardt, Mata Hari, Gigéle Halimi, Marie Curie, Kleopatra, Louise Michel, Frida Kahlo, Olympe de Gouges, Juliette Gréco, Virginia Wolf, Anaïs Nin, Marguerite Yourcenar, Josephine Baker, Isabelle Eberhardt, Eleonore von Aquitanien, Marilyn Monroe, George Sand, Rosa Parks, Nina Simone, Jeanne d'Arc und Alexandra David-Néel.

Regie: Marin Provost, Produktion. 2020, Länge: 110 min, Verleih: Filmcoopi

Trailer

Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Medienstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb und ist Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.

 

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