Zwei Pro-Senectute-Filme mit aktuellem Bezug

Vor kurzem, am 12. Februar 2020, ist die Schweizer Filmemacherin Marlies Graf-Dätwyler im Alter von 76 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Sie realisierte seit 1970 eigene Filme und war als Mitglied des Filmkollektivs Zürich an der Montage und Produktion vieler weiterer Filme beteiligt. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Filme «Behinderte Liebe», «Die Bauern von Mahembe» und als Mitautorin von «Seriat», in der Altersarbeit auch als Schöpferin von zwei Filmen zum Thema Alter. Eine Filmkritik von Hanspeter Stalder
Marlies Graf, drei Monate vor ihrem Tod

Marlies Graf, eine Filmemacherin auch über das Alter

Marlies Graf-Dätwyler arbeitete zweimal für Pro Senectute Schweiz. Als Erstes drehte sie 1987 den 42-minütigen, dreisprachigen Dokumentarfilm «Alt-Tage – Begegnungen mit dem Alter» (Online-Zugang, ). Darin breitet sie, mit Sorgfalt und Menschlichkeit, Bilder des Alters aus, die beim Publikum Fragen aufwerfen. Als Antworten darauf stellt sie die Dienstleistungen der Organisation vor. In sechs Kapiteln gibt sie eine geografische und eine geragogische Übersicht über die Altersarbeit: Senioren für Senioren in Effretikon, Sozialarbeiterin im Berner Oberland, Haushilfe in Zürich, Mahlzeitendienst im Tessin, Tagesheim Le Caroubier in Genf, Seniorenferien im Bündnerland. Mit Sensibilität und Fachkompetenz zeigt die Autorin nicht einseitig negative oder einseitig positive, sondern differenzierte Bilder des Alters; etwas, das viele vergleichbare Filme nur selten ähnlich ernst nehmen.

Ein Film über die menschliche Nähe – in Zeiten des Social Distancing

1996 konnte ich, damals bei Pro Senectute für die AV-Medien zuständig, Marlies nochmals als Autorin gewinnen, und sie schuf den zweiteiligen Film «Bewegter Montag – Bewegter Mittwoch» (Online-Zugang; ). Im ersten Teil wird eine Frauen-Tanzgruppe in Biel vorgestellt, im zweiten eine Männer-Turngruppe aus Derendingen. In beiden halbstündigen Filmen geht es ihr vornehmlich darum, aufzuzeigen, dass Sport nicht nur einen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat, sondern alten, manchmal alleinstehenden, einsamen Menschen ein neues soziales Netz und menschliche Nähe bieten kann. Dies wird auch sichtbar, wenn sich die Tänzerinnen und Turner im Anschluss an das offizielle Programm bei Kaffee oder Bier treffen. Von beiden Gruppen kommen im Film je vier Personen ausführlich zu Wort und lassen uns Anteil nehmen an ihrem Leben, ihren Freuden, Ängsten, Hoffnungen und Sorgen. Eine umfassende, schöne und eindrückliche Beschreibung dessen, was Alter sein kann.

Beide Film zeichnet sich durch eine grosse Empathie aus, Marlies begnügt sich nie mit einer sachlichen Berichterstattung dessen, was die Frauen und Männer beim Seniorentanz und Altersturnen machen. Sie genoss bei den Dreharbeiten, wie ich es als Begleiter der Produktion erleben durfte, das volle Vertrauen der Frauen und Männer und kam so sehr nahe an die Schicksale der Einzelnen heran, sodass wir als Zuschauende oft das Gefühl bekommen, ihnen selbst zu begegnen. Weil die Autorin beim Drehen stets authentisch war, berührt der Film auch uns, ich etwa hinterfrage bei jeder Visionierung stets neu meine eigenen Altersbilder.

Obwohl es im Kino heute «Moderneres» über das Alter zu sehen gibt, ist für mich «Bewegter Montag – Bewegter Mittwoch», als «freier Auftragsfilm» und mit bescheidensten Mitteln produziert, auch 24 Jahre nach seiner Premiere, immer noch eine eindrücklicher Film über das Alter, das Altern und den alten Menschen. Er besitzt eine ganz besondere Qualität: Er schafft Nähe zu den Menschen – Nähe, die wir heute, in der Zeit der Corona-Pandemie und des notwendigen Social Distancing, im realen Alltag leider nicht mehr immer leben können. Vielleicht erleben wir in den sechzig Minuten des Films wenigstens virtuell etwas von der für uns alle lebensnotwendige Nähe zu andern Menschen.

Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Medienstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb und ist Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.

 

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