Grenzenloser Glaube an den Fortschritt

Ein Biologe behauptet, das Alter sei eine Krankheit: Dem Altwerden könne ein Ende bereitet werden. Von der Abschaffung des Todes wird noch nicht gesprochen, aber er meint, eine deutliche Verlängerung des Lebens müsse möglich sein. Wie soll das gehen?

Eine Sachbuchbesprechung von Kurt Seifert
Cover des Buches von David A. Sinclair "Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen"

In einer deutschen Apotheke las ich einmal den Spruch: «Fit in die Kiste» – also ins Grab. Dieser Satz ist mir bei der Lektüre eines Buches des Biologen und Genetikers David A. Sinclair wieder in den Sinn gekommen. Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen verspricht nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in der Weise, wie wir das Alter sehen. Sinclair, der in Australien aufgewachsen ist und heute in Boston (USA) lebt und lehrt, erklärt, eine Befreiung vom biologischen Gesetz des Alterns sei möglich. Mit dem Hinweis auf «einige unserer engsten Verwandten», nämlich Grannenkiefern, Süsswasserpolypen und Grönlandhaien, stellt er die Wirksamkeit eines solchen Gesetzes überhaupt in Frage und will darauf aufmerksam machen, dass es in der Natur Wege gebe, den Alterungsprozess ausserordentlich zu verlangsamen. Das müsse uns Menschen auch möglich sein. – Und falls Sie die Verwandtschaft leugnen möchten: Grannenkiefern könnten wir als unsere «Vettern» (Sinclair) bezeichnen. Ungefähr die Hälfte ihrer Gene ist unseren nämlich sehr ähnlich.

Mit den Genen hat auch die Alterung zu tun. Mit der Entdeckung der DNA als Trägerin der Erbinformationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich allmählich die Erklärung durch, dass die Schädigung der DNA zur Alterung der Organismen führe. Unter dem Einfluss der Informationstheorie ist die These stark gemacht worden, dass Alterung als «Informationsverlust» begriffen werden müsse. Biologisch gesehen gibt es zweierlei Informationen, die unterschiedlich codiert sind. Zum einen digital in Form der DNA – dort allerdings nicht binär in Nullen und Einsen, sondern quaternär, mit der Basis vier: Die Codebuchstaben lauten Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin. Das sind die Nucleotide, aus denen sich die DNA zusammensetzt. Zum anderen analog als Epigenom. Das sind Merkmale, die erblich sind, aber nicht auf genetischem Weg weitergegeben werden. Vergleiche man das Genom mit einem Computer, so stelle das Epigenom die Software dar. Bei der analogen Information ergibt sich das Problem des Informationsverlusts. Lässt der sich beheben? David A. Sinclair zeigt sich optimistisch.

Altern als Informationsverlust

Ein «Überlebensschaltkreis» aus so genannten Langlebigkeits- oder Vitalitätsgenen sorgt dafür, dass die immer wieder auftauchenden Schädigungen der DNA erkannt und repariert werden. Sinclair vergleicht diese mit einer Katastrophenschutztruppe. Wenn solche epigenetischen Faktoren ihr Genom verlassen, um dringende Einsätze zu leisten, fehlen sie andernorts. So entsteht ein Chaos, das «epigenetische Rauschen». Sinclair ist der Auffassung, dass die Alterung nicht durch Mutationen verursacht werde, «sondern durch die epigenetischen Veränderungen, die sich als Folge von Schädigungen und Reparatur der DNA einstellen». Aus der Thermodynamik ist der Begriff der «Entropie» bekannt – umgangssprachlich als «Mass der Unordnung» bezeichnet. Dieser Begriff wird auch in der Informationstheorie verwendet. So kann David A. Sinclair formulieren: «Alterung ist eine Zunahme der Entropie, ein Informationsverlust, der zu Unordnung führt.» Doch dieser Vorgang sei nicht unumkehrbar, denn «Lebewesen sind keine geschlossenen Systeme» und könnten potenziell «ewig leben», solange die entscheidende biologische Information intakt gehalten und Energie aufgenommen wird.

Als wichtigste Frage stellt sich also heraus, wie das epigenetische Rauschen gedämpft werden kann. Sinclairs Antwort: Wir arbeiten noch daran, «aber im Prinzip wissen wir, wie es funktioniert». Es gehe darum, die biologische Korrekturvorrichtung zu finden, um ausgewachsene Zellen umzuprogrammieren. Dies sei «das nächste grosse Neuland der Altersforschung». Der Genetiker setzt auf Innovationen: DNA-Tests für alle, «Echtzeitüberwachung» der biometrischen Grundwerte als «Frühwarnsystem für unseren Körper», Impfung gegen Alterungsprozesse, Ersatz von Organen aus dem 3D-Drucker. Gewiss könne jede dieser Technologien in die Sackgasse führen, aber dass alle scheitern würden, sei «schlicht nicht möglich». Da spricht ein vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt restlos Überzeugter. Doch er ist keineswegs naiv: Dieser Fortschritt könne auch die soziale Spaltung der Gesellschaft vorantreiben – und der «freie Markt» sei nicht per se ein Garant für Fairness. Sinclair schreibt explizit: In Ungleichheit liege «die Saat für eine Revolution – und Aufstände gehen für die herrschende Klasse nur selten gut aus».

Doch was geschieht nun mit dem Alter? Die maximale Lebensspanne, die heute auf 120 Jahre geschätzt wird, könne von immer mehr Menschen erreicht werden und bis Ende des 21. Jahrhunderts liege ein Alter von 150 Jahren durchaus im Bereich des Möglichen, glaubt Sinclair. Der Tod lässt sich trotz allem nicht abschaffen. Woran werden die Menschen sterben? Oder springen sie dann «fit in die Kiste»? Alle Zukunftsmusik in Ehren – ein paar Fragen stellen sich schon. Welche individuellen und gesellschaftlichen Folgen hätte eine solche enorme Dehnung der Lebensspanne? Und vor allem: Welche Welt würde dann diese Menschen erwarten? Die Folgen des Klimawandels sind überhaupt noch nicht abschätzbar. Man muss schon ein ziemlich grosser Optimist sein, um einer solchen Zukunft gelassen entgegenzugehen.

David A. Sinclair mit Matthew D. LaPlante: Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Köln: DuMont Buchverlag 2019, 512 Seiten.

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Porträt von Kurt Seifert

Kurt Seifert ist freier Publizist mit Schwerpunkt Alterspolitik und Autor des Buches «Eine Jahrhundertgeschichte : Pro Senectute und die Schweiz 1917 – 2017».

 

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