Unser Interview mit Delphine Roulet Schwab

Die Gerontologin Delphine Roulet Schwab gibt Auskunft über ein Forschungsprojekt, das mittels des Mediums Film Altersbilder und Altersdiskriminierung erforscht. Sie nennt Verwendungsmöglichkeiten von Filmen in der Altersarbeit und verrät uns ihren Lieblingsfilm aus unserer Sammlung.
Delphine Roulet-Schwab

Prof. Dr. Delphine Roulet Schwab ist Präsidentin von GERONTOLOGIE CH und Ordentliche Professorin am Institut und der Haute Ecole de la Santé La Source (HES-SO) in Lausanne. 

Delphine Roulet Schwab, Sie begleiten ein Nationalfonds-Projekt, welches dazu beitragen soll, Altersbilder zu hinterfragen und Altersdiskriminierung einzudämmen. Zu diesem Zweck wurden Kunststudierende damit beauftragt, kurze Dokumentarfilme zu realisieren. Welche Erkenntnisse zu Altersdiskriminierung haben Sie aus dem Projekt gezogen?

Wir sind uns zum Beispiel bewusst geworden, dass viele Projektteilnehmende die Zahl der Betagten, die in Alters- und Pflegeheimen leben, weit überschätzte. Tatsächlich ist diese Zahl nämlich in unserem Land sehr niedrig (gemäss Bundesamt für Statistik traf dies 2018 für 1,5% der 65- bis 79-Jährigen und 15,3% der Personen ab 80 Jahren zu). Auf ganz ähnliche Weise denken viele der Befragten tendenziell, dass ältere Heimbewohnerinnen und
-bewohner nur noch auf den Tod warteten und zu nichts mehr fähig seien. Die vorgestellten Kurzfilme haben hingegen die ganze Vielfalt und die zahlreichen Facetten des Älterwerdens aufgezeigt, indem sie Seniorinnen und Senioren in den Mittelpunkt des Geschehens stellen. Sie erinnern uns so daran, dass auch ältere Menschen Erwachsene sind wie alle anderen, mit einem eigenen Leben, einer Familie, Plänen und Wünschen. Und sie erinnern auch daran, dass wir die Alten von morgen sein werden, auch wenn wir stets zur Idee neigen, «alt seien nur die anderen».

Sie haben die Filme an verschiedenen Anlässen präsentiert und zur Diskussion gestellt: Welche Eindrücke nehmen Sie aus den Projektionen der Filme mit?

Mein Eindruck ist ganz allgemein sehr positiv. Das Projekt «Changeons notre regard sur la vieillesse» (Ändern wir unser Altersbild) hat uns im Rahmen von 18 Filmvorführungen in der Romandie und der Deutschschweiz die Gelegenheit zur Begegnung mit verschiedenen Publikumsgruppen gegeben – von Alten, Jungen und Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Soziales bis hin zu Kulturschaffenden. Ein bunt gemischtes Publikum, das zu einem sehr fruchtbaren Austausch mit erfreulichen Überraschungen geführt hat. Bei generationendurchmischten Vorstellungen, also etwa bei für Schulklassen und Alters- oder Pflegeheiminsassen gemeinsam organisierten Projektionen, waren zum Beispiel die jungen Teilnehmenden überrascht, dass Leute mit über 90 Jahren noch ins Ausland reisen oder humorvoll sein können. Die Seniorinnen und Senioren ihrerseits waren ebenso erstaunt und berührt von der Tatsache, dass sich junge Menschen überhaupt für sie und das, was sie zu sagen hatten, interessierten. Unser Projekt nähert sich zwar seinem Ende, aber es weckt immer noch grosses Interesse. Für 2020 und 2021 sind denn auch mehrere zusätzliche Vorführungen vorgesehen (mehr Infos dazu unter: https://www.ecolelasource.ch/vieux-alt/).

Welche Bedeutung kommt dem Medium Film bei der Vermittlung gerontologischer Themen zu?

Ein grosser Vorteil des Films liegt darin, dass er sehr viel stärkere, direktere Botschaften übermittelt als etwa eine Vortragsreihe. Ein Film spricht Gefühle und Emotionen an, die uns auf einer ganz anderen Ebene berühren. Emotionen wiederum geben der Erinnerung und damit auch intimeren Gedanken Raum. Ein Film erlaubt es, sich in die Realität von Anderen zu versetzen und sie quasi durch ihre Augen und ihre Gefühlswelt zu erleben. Er ist somit viel konkreter und zugänglicher als ein abstrakter, theoretischer Inhalt. Im Rahmen dieses Projekts haben wir trotzdem darauf geachtet, dass den Teilnehmenden auch ein gewisses theoretisches Rüstzeug zur Verfügung steht, und zwar in Form von Info-Broschüren mit praktischen Ratschlägen und Anregungen zur Vertiefung der angesprochenen Themen.

Filme werden im Unterricht und in der Aktivierung eingesetzt, wie wir von unseren Nutzerinnen und Nutzern wissen. Sehen Sie weitere Verwendungsmöglichkeiten in der Altersarbeit?

Meines Erachtens könnten die Filme auch in ganz anderen Bereichen verwendet werden, von der Architektur zur Wirtschaft, von der Politik zum Engineering. In all diesen Bereichen beschäftigen sich zahlreiche Spezialisten damit, Lösungen zu suchen, um der Alterung der Bevölkerung zu begegnen. Ältere Personen werden aber leider nur selten in diese Überlegungen einbezogen: Wir entwickeln oft Lösungen für Seniorinnen und Senioren, aber fast nie mit ihnen. Der Einsatz von Filmen, die älteren Menschen das Wort geben oder sie über festgefahrene Klischees hinaus in den Fokus stellen, wäre sehr nützlich, um die gelebte Realität von Betagten wirklich zu erfassen, deren Sorgen und Nöte, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zu verstehen und schliesslich praktisch anwendbare Antworten auf diese Anliegen zu finden.

Eine brennende Frage zum Schluss: Welches ist ihr Lieblingsfilm aus unserer Filmsammlung?

Schwierig, sich nur auf einen zu beschränken! Ich würde sagen «Mères et filles», denn er zeigt eindrücklich die Macht der nie ausgesprochenen Familiengeheimnisse und ihre Folgen für und über die Generationen hinweg auf. Wir sind uns des Einflusses der Vergangenheit und unserer Entscheidungen auf unsere Gegenwart – auch auf diejenige unserer Nachkommen – nicht immer bewusst. Um die eigenen Funktionsmechanismen und diejenigen unserer Familie zu verstehen, ist es wichtig, sich über diese Form der Überlieferung Gedanken zu machen. Ohne Urteile zu fällen fordert uns dieser Film genau dazu auf.