Ella & John

Gemeinsam bis zum Ende: Zwei Alte machen ihre letzte Camperreise. Paolo Virzì erzählt davon in seinem Roadmovie «Ella & John», mit Helen Mirren und Donald Sutherland in den Titelrollen: unterhaltsam und voll Menschlichkeit.

Eine Filmkritik von Hanspeter Stalder
Ella & John

Eines Morgens waren Ella und John spurlos verschwunden! Statt sich auf einen Altersheimeintritt vorzubereiten, sind sie mit ihrem alten Wohnmobil losgefahren. Ihre erwachsenen Kinder sind verärgert, besorgt, versuchen, sie zu finden. Doch John, bei dem sich zunehmend Gedächtnislücken zeigen, und die lebenspraktische, ebenfalls kranke Ella sind auf einer Reise, deren Ziel nur sie selber kennen: die US-Ostküste hinunter, bis zum Haus von Ernest Hemingway in Key West. Beim Eindunkeln schwelgen die beiden jeweils vor dem Camper in den Erinnerungen ihrer 50-jährigen Liebe: immer neu verliebt, aber auch durch Johns angeschlagenes Gedächtnis im unbeschwerten Zusammenleben behindert.

Ella und John wachsen einem sofort ans Herz – auch dank der oscarprämierten Darsteller Helen Mirren und Donald Sutherland in den Titelrollen. Sie spielen ihren Trip glaubwürdig und ausdrucksstark, mit Szenen, die erheitern, sowie andern, die unter die Haut gehen und nachdenklich stimmen. Der italienische Regisseur Paolo Virzì versteht es in seinem ersten in Amerika realisierten Film, ernste Themen leicht und humorvoll zu verpacken. Immer weiter geht es von Highway zu Highway, von Campingplatz zu Campingplatz, von Überraschung zu Überraschung.

Wenn Erinnerungen die Gegenwart durcheinanderbringen

Während Ella sich im Alltag recht gut durchschlägt, bringt John die Namen der Familie und schliesslich ihre eigenen gelegentlich durcheinander. Er erwartete von seinen vielfältigen Reisen stets eine Bewusstseinserweiterung. Diesmal will er das Haus von Ernest Hemingway, seinem grossen literarischen Idol, besuchen. Der grosse alte Mann der Weltliteratur, der gegen den Fisch kämpft, ermuntert ihn stets von Neuem: Denn «er wird besiegt, aber nicht zerstört.» Es trifft John, wenn er feststellt: «Ich kann nichts mehr lesen. Weiss du, ich beginne einen Satz.» Und Ella antwortet: «Und wenn du am Ende angekommen bist, hast du den Anfang vergessen.» Weiter John: «Ich erinnere mich nicht mehr, woran ich mich erinnerte.» Es folgen in diesem Kammerspiel Szenen des Verstehens, dann wieder des Aufbegehrens.

Mit dem Hellraumprojektor holen sich die beiden jeweils beim Einnachten ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre früheren Reisen zurück, tröstlich, berührend, erheiternd. «Schön, wenn du vergisst, vergesslich zu sein», meint Ella. Doch sie kann sich nur schwer damit abfinden, als er ihr Kaffee aufsetzen will, beim Gang zur Maschine aber nicht weiter weiss. Und es kann vorkommen, dass er seine Kinder Jane und Will und seine Enkel Stephan und Rosie auf den Dias nicht mehr auf Anhieb erkennt, sich aber an eine ehemalige Schülerin, die er zufällig trifft, detailreich und emotional erinnert. Und es folgen immer wieder neue abenteuerliche Szenen auf den Strassen und im Camper.

Wenn die Vergangenheit verschwindet, aber als Erinnerung leuchtet

Berührend wird es, wenn Ella und John sich gegenseitig ihre früheren Liebespartner durcheinanderbringen. Welche Liebe ist aktuell, welche vergangen? Die schöne Liebesgeschichte, diese «Poesie der Prosa», wie Hemingway es formulierte, lässt uns fragen: Ist nicht alles gelebtes Leben, alle gelebte Liebe, auch wenn Teile oder Momente fehlen, «leuchtende Erinnerung»?

Angesichts dieses existenziellen Verschwindens des Lebens wird einem das Mysterium der Kindheit bewusst, in welchem dem jungen Menschen einst Tag für Tag Neues gegeben wurde – jetzt aber dem alten Menschen, das Mysterium des Alters, Tag für Tag etwas genommen wird: befreundete, geliebte Menschen, Erlebnisse und schliesslich geplante, doch nicht mehr ausformulierte Gedanken.

Paolo Virzì: Ein Italiener dreht in Amerika

«Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Film in einem anderen Land machen würde, noch dazu in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist. Ich weiss auch immer noch nicht genau, wie das passieren konnte. Ich werde versuchen, die Entstehungsgeschichte zusammenzufassen: Der Ursprung von "Ella & John" liegt ein paar Jahre zurück. Damals nahm ein Film von mir an der lustigen und leicht absurden Prozedur der Oscar-Verleihung für den besten fremdsprachigen Film teil, «Il capitale umano». Er kam in den USA ins Kino, und auch mein vorheriger Film «La prima cosa bella» hatte einen amerikanischen Kinostart gehabt. Nachdem beide Filme gut ankamen, erhielt ich immer wieder Angebote, doch einmal in Amerika zu drehen; ich weigerte mich jedoch, irgendwo anders zu arbeiten als in Italien. Zudem lagen bei diesen Angeboten meist bereits fertige Drehbücher vor, und, ehrlich gesagt, keines der Projekte weckte mein Interesse.

Doch ich hatte Freunde in den USA, die sich damit nicht zufriedengeben haben. Sie sassen bei Indiana Production, einer Firma, die meine zwei amerikanischen Kino-Starts begleitet hatte, und sie verstanden nicht, warum ich nie ausserhalb Italiens drehen wollte. Schliesslich kam ich ihnen einen Schritt entgegen: Wenn wir einen tollen Stoff fänden, in einer literarischen Vorlage vielleicht, und wenn ich mit diesem Stoff so arbeiten könnte, wie ich es gewohnt bin, selber das Drehbuch schreiben zum Beispiel, dann wäre ich bereit, mir die Amerika-Idee noch einmal zu überlegen.

Von da ab schickte mir Indiana Production kistenweise Romane und Kurzgeschichten. Eines Tages war eine Erzählung von Michael Zadoorian dabei, sie handelte von zwei alten Eheleuten aus Detroit, die noch einmal in ihren Campingbus steigen und auf der legendären Route 66 nach Kalifornien fahren. Der subversive Geist der Geschichte reizte mich, denn sie erzählte von der Rebellion der beiden Alten gegen ihre Ärzte, ihre Kinder, gegen soziale und medizinische Vorschriften. Denn eigentlich sollte das Ehepaar ins Krankenhaus, um dort den Rest des gemeinsamen Lebens zu verbringen, anstatt spontan nach Kalifornien auszureissen.

Einige Zeit später baten mich italienische Freunde, die Drehbuchautoren Francesca Archibugi und Francesco Piccolo, die Sache nicht so einfach abzutun. Sie schlugen vor, Zadoorians Geschichte als Vorlage zu nehmen, aber die Reiseroute und das soziokulturelle Profil der Figuren zu verändern. Also erfanden wir einen Literaturprofessor im Ruhestand, mit einer Frau aus South Carolina, die sich zusammen auf den Weg nach Key West machen, um das Haus von Hemingway zu besuchen. Wir schrieben ein paar Szenen und Dialoge auf Italienisch, übersetzten sie mithilfe meines geschätzten Freundes und Romanautors Stephen Amidon ins Englische, und hatten damit die erste Version eines Drehbuchs.

Ich erinnere mich, dass ich ein Zugeständnis machte: Falls Donald Sutherland und Helen Mirren bereit wären, das Paar zu spielen, dann würde ich diesen Film machen. Meine Produzenten-Freunde und Co-Autoren fanden die Idee fantastisch. Ich weiss zwar bis heute nicht, warum Mirren und Sutherland zusagten. Ein paar Wochen später stand ich schon auf dem Set, ohne dass ich Zeit hatte, mir richtig klarzumachen, was eigentlich passierte. Diese beiden waren vielleicht der beste Grund, nach Amerika zu fahren, um dort einen Film zu drehen, wenigstens einmal in meiner Geschichte als italienischer Regisseur, oder besser, als Regisseur aus Livorno.»

Ella & John. Regie: Paolo Vizì, Produktion: 2017, Länge 117 min, Verleih filmcoopi

Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Medienstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb und ist Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.

 

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