Ein Plädoyer für Privilegierte

Wir leben deutlich länger als unsere Vorgängergenerationen und es geht uns in aller Regel auch besser als ihnen. Das sind geschenkte Jahre! Die Frage ist, was wir damit anfangen sollen. Ludwig Hasler hat ein paar Ideen. Wie nützlich sind sie?

Eine Sachbuchbesprechung von Kurt Seifert
Cover des Buches von Ludwig Hasler "Für ein Alter, das noch was vorhat. Mitwirken an der Zukunft"

Wer heute pensioniert wird, darf damit rechnen, weitere ein bis zwei, manchmal sogar drei Jahrzehnte ein Leben ohne grössere Beschwerden führen zu können – wenn alles gut geht. Das ist das viel beschworene «dritte» Alter, das dank Fortschritten der Medizin und durch grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt möglich wurde. Die Pensionierten unserer Zeit sind zumeist noch gesund und nicht durch harte Arbeit und unzureichende medizinische Versorgung vorzeitig gealtert wie unsere Grosseltern sowie die Generationen davor. Wenn diese Männer und Frauen dann auch noch über eine gute finanzielle Ausstattung durch Rente und Pension verfügen, sind sie eine gefragte Kundschaft für die Wellness- und andere Branchen.

Doch bloss konsumieren ödet auf Dauer an, denn daraus entsteht noch kein Sinn. «Das kann doch nicht alles gewesen sein», heisst es dazu passend in einem Song des deutschen Liedermachers Wolf Biermann. Und die Aussicht auf zehn, zwanzig oder gar dreissig Jahre «Ruhestand» sind auch nicht gerade verlockend. Deshalb glauben manche, einen «Unruhestand» daraus machen zu müssen. Das tönt nicht unbedingt nach Glück. Also: Was tun? Der Philosoph Ludwig Hasler, der als Journalist bei der Weltwoche tätig war, bevor diese in nationalkonservative Gewässer abdriftete, ist inzwischen ein Mittsiebziger und macht sich Gedanken über das Älterwerden. Daraus ist ein Plädoyer für ein engagiertes Alter geworden.

Eine gute Sache, sollte man denken. Gewiss – wenn die Voraussetzungen stimmen! Gleich zu Beginn seines Essays räumt der Autor ein, es gebe alte Menschen, «die passen nicht in die Schablonen aktiver Senioren, sie sind hilfsbedürftig, haben kein Geld zu reisen, keine Kraft mitzuwirken. Sie kommen in diesem Buch trotzdem kaum vor.» Hasler will jene ansprechen, «die noch die Wahl haben, was sie mit ihren Altersjahren anfangen wollen.»

Früher galt das Alter als eine Phase des Übergangs in eine andere Welt, die sich sinnlich nicht fassen lässt, aber als durchaus präsent wahrgenommen wurde. In postreligiösen Zeiten müssen nun alle unerfüllten Träume und Hoffnungen ins Diesseits gepackt werden. Das überfordert Menschen – vor allem dann, wenn sie merken, dass ihre Zukunft schwindet und das Ende näherkommt. Da scheint es dann klüger zu sein, gar nicht daran zu denken oder erst recht in Fantasien der Unsterblichkeit zu schwelgen. Ludwig Hasler bedauert diesen Verlust, weiss aber auch, dass es kein Zurück zu vermeintlich besseren Zeiten geben kann. Er plädiert deshalb dafür, über das eigene kleine Ich hinauszugehen und sich für etwas einzusetzen, das über die eigene Endlichkeit hinausweist.

Hasler fasst diesen Gedanken sehr schön anhand eines späten Gedichts von Bert Brecht. Dieser lag todkrank in der Berliner Charité und hörte mit Freude draussen die Amseln singen. In dieser existenziell höchst bedrohlichen Lage gelang es ihm, «mich zu freuen / Alles Amselgesanges nach mir auch». Wer so spricht, der oder dem ist nicht gleichgültig, ob es nach dem Tod noch Amseln geben wird, an denen sich andere erfreuen werden. Das heisst: Leben bejahen, auch wenn eigenes Leben nicht mehr sein wird.

Hasler bringt in seinem Buch manche Beispiele, wie Menschen im «dritten» Alter an einer Zukunft mitwirken, die in absehbarer Zeit nicht mehr ihre eigene sein wird. An diesem Punkt hätte ich mir seinen Essay noch etwas politischer gewünscht. Wäre nicht gerade der beginnende Aufstand der Klimajugend ein Anlass dafür, dass wir Alten uns selbstkritisch hinterfragen: Was haben wir selbst dazu beigetragen, dass es so weit kommen konnte? Die Hinweise auf eine sich abzeichnende Klimakrise sind ja nicht neu, sondern mindestens 30 Jahre alt. Was tragen wir dazu bei, dass kommende Generationen auch noch Lebensbedingungen vorfinden, die ein gutes Leben ermöglichen?

Die andere Schwäche des Buches habe ich bereits erwähnt: Es ist ein Plädoyer für ein engagiertes Alter, das sich an die in unserer Gesellschaft Privilegierten richtet. Und was ist mit denen, die über weniger ökonomisches, kulturelles oder Sozial-Kapital verfügen? Die sollen doch auch gut altern können!

Manches von dem, was Ludwig Hasler schreibt, ist in einem «klassischen» Werk über das Altern in der Moderne bereits vorgezeichnet. Ich meine den Essay Das Alter der französischen Feministin Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1970. Sie soll das Schlusswort haben: «Das Leben behält einen Wert, solange man durch Liebe, Freundschaft, Empörung oder Mitgefühl am Leben der anderen teilnimmt. Dann bleiben auch Gründe zu handeln und zu sprechen.»

Ludwig Hasler: Für ein Alter, das noch was vorhat. Mitwirken an der Zukunft. Zürich: rüffer&rub Sachbuchverlag 2019, 144 S.

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Porträt von Kurt Seifert

Kurt Seifert è un giornalista pubblicista freelance esperto di politica della vecchiaia e autore del libro «Cento anni di storia: Pro Senectute e la Svizzera 1917-2017». (tedesco)

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